Mein Leben in den Nellingen Barracks

1976 habe ich als Installateur in der Nellinger Kaserne angefangen zu arbeiten. Bald machte ich Erfahrung mit dem " Way of Life " wie die Amerikaner ebenso leben, was sie in ihrer Freizeit so tun und machen, Sitten und Gewohnheiten, alles hat mir sofort viel Spaß gemacht und habe mich für die Art zu leben sehr interessiert.

Die meisten Soldaten, auch diejenigen die ihre Familien hier hatten, sind viel in Deutschland, speziell Baden- Württemberg und Bayern herumgereist, so lernten auch Sie unsere Art zu leben kennen. Es wurde dann immer über die Reisen berichtet, z.B. daß sie in Berchtesgaden, Füssen, Chiemsee und Neuschwanstein waren. Die Amerikaner schwärmten alle von unseren deutschen Gasthäusern mit den Schnitzeln, Zwiebelrostbraten und natürlich vom deutschen Bier.

 

In der Kaserne hatten die Soldaten alles was sie zum Leben brauchten. Hier gab es einen Schneider, eine Bücherei, Friseur, Burger King, Tankstelle, Kino, Wäscherei, PX und eine Commisary und dazu noch den EM- NCO und Offiziersclub.


Nellingen Barracks Barber Shop 1992

Taylor Shop 1992 ( Schneiderei )
Außerdem viele Sportanlagen. Im nördlichen Teil der Barracks befand sich der berüchtigte Rod & Gun Club mit Tontaubenschießstand. Im südlichen Teil des Areals befand sich das eigentliche Herz, wo oben aufgezählte Gebäude standen. Dort war auch unser sogenannter R & U Shop der Facility Engineers.
 


Zugang zum R&U Shop 1983
Mein Freund und Kollege Donato Arcaro


Meine Kollegen auf einem unserer Shop-Trucks 1977


Me, Billy, Plumber, 1983

Unsere Werkstatt hatte alles an Maschinen und Geräten um alle anfallenden Reparaturen auszuführen. Wir besaßen eine große Schreinerei, Schlosserei, hatten Installateure, Elektriker und Maurer. Im Haus war auch ein Self - help Service untergebracht. Wir hatten einen großen Fuhrpark im Hinterhof und alle unsere Fahrzeuge waren fahrende Werkstätten, die bis an den Rand mit Material und Werkzeug gefüllt waren. Mir persönlich hat es immer sehr viel Spaß gemacht für die Amerikaner gearbeitet zu haben, habe viel im menschlichen sowie kulturellen Bereich dazugelernt. Gegenüber unserer Werkstatt war die Deutsche Kantine.

Dort saßen die Soldaten zum Mittagessen und hatten sichtlich Spaß an der Gaststätten Atmosphäre. Hier holten wir Arbeiter uns auch oftmals etwas zum Essen, z.B. Fish & Chips. Hier kehrten auch andere Zivilangestellte aus den Stuttgarter Kasernen ein, auch die Leute von Labor Service. Teilweise war es ein richtiges Kauderwelsch, in allen möglichen Sprachen.

Oberhalb der deutschen Kantine befand sich das Recreation Center wo die Soldaten in ihrer Freizeit Billard, Tischtennis und Gitarre spielten. Hier habe ich so richtig das Billardspielen erlernt. Was mir immer sehr gefallen hat war die vorweihnachtliche Zeit bis zum Heilig Abend. Die Kaserne wurde komplett auf Vordermann gebracht und sehr festlich geschmückt. In der Housing Area waren alle Fenster und Türeingänge hübsch dekoriert und Santa Claus drehte seine Runden, auch in der Messhall ( Soldatenkantine ) war alles hergerichtet was Die Amerikaner fern von Ihrer Heimat gewohnt waren und kannten. Als wir dort viele Reparaturen ausführten ist uns auch mal ein Stück Hähnchen oder Kuchen angeboten worden. Selbst in den Großraumbüros im Generalsgebäude brannte auf jedem Schreibtisch eine Kerze, ja sogar der Computer bekam seinen Schmuck ab. Ich kann mich sehr gut daran erinnern wie die Soldaten in ihren Uniformen durch Nellingen oder Stuttgart liefen um ihren Einkauf zu erledigen. Das war ein ganz gewohntes Bild. Heute kaum noch vorstellbar das amerikanische Soldaten in einer Stadt spazieren gehen. Irgendwie vermisse ich diese Zeit sehr, als die US Truppen hier waren.
Im nördlichen Teil des Kasernenareals war ein großer Hubschrauber Hangar. Die Auszubildenden Piloten hatten ein riesiges Grundstück zu Verfügung um ihre Flugübungsstunden zu absolvieren. Die mehrere Hektar große Wiese beherbergte interessanter weise viele heimische Tiere denn, die Kaserne war von der Außenwelt abgeschlossen, aber in sich eine eigene kleine Welt. So konnten sich Tiere wie Feldhase, Bussarde, Füchse, Igel und Vögel aller Art prächtig vermehren und hatten dort ihre Heimat gefunden. Außerdem besaßen die GI´s auch eine Rollschuhbahn mit Disco für die Teenies. Nebenan war das Gym, die Sporthalle für die Basketball begeisterten GI´s. Selbstverständlich besaß die Army auch eine eigene Feuerwache. Direkt zwischen Bowling-Halle und Burger King. Dort leisteten deutsche Feuerwehrmänner, angestellt bei den U.S.Truppen, ihren Dienst. Hier einige Fotos aus den späten 80er´n.

Fotos:Johannes Ciolkowski

Firetruck in back of Generalsbuilding

Firetruck in front of the Burger King

Wir Handwerker hatten eine guten Draht zum Direktor der Halle und schauten des öfteren zu wie die Soldaten spielten. Im Ostteil der Kaserne war die gigantische Hochdruckheizung, zwar deutlich in die Jahre gekommen, funktionierte sie immer noch sehr gut. Alle paar Tage kamen deutsche Kohle Lastwagen und kippten die Kohle in riesige Schlucklöcher. So wurde die ganze Anlage beheizt. Meine Mutter besaß damals in den 70er Jahren eine Gaststätte in Esslingen-Sirnau. Ca. 4 Km von Nellingen entfernt. Ich war damals gerade 15 Jahre (1972) alt und habe mich mit den Soldaten angefreundet die dort einkehrten. Die Amis waren immer gerngesehene Gäste. Natürlich macht man dann auch gemeinsame Ausflüge, in dicken Cadillacs, Pontiacs oder Chevrolets, an Badeseen oder auf die Schwäbische Alb und in andere Kasernen. Wir wurden extra dafür an der Wache eingeschrieben. Es wurden viele Geburtstage gefeiert und die üblichen christlichen Festtage.

 
Ein großes Zugpferd war natürlich auch das jährlich stattfindende Cannstatter Volks-, und Frühlingsfest. Eines der größten in Europa. Dort waren die Soldaten gern auch um eine Maß Bier zu trinken. Des öfteren musste die Militärpolizei die Bierleichen abholen und Heim bringen. Die Soldaten waren klar ein anderes Bier aus den USA gewohnt als unseres. Das Bier der Amerikaner ist dünn und fad. Es gab nicht selten den ersten schweren Rausch gleich am ersten Tag nachdem sie hier angekommen waren. Im EM Club kam es fast jeden Abend zu Schlägereien zwischen Soldaten und wir Handwerker mussten dann die schweren, eingeschlagen Drahtglasscheiben am nächsten Tag in der Haustür ersetzen. Unser Arbeitsplatz war gesichert. War schon eine coole Zeit. Ich habe mir erzählen lassen, dasseinige Soldaten so verliebt in unser Bier waren, dass sie eine ganze Bierkiste Stuttgarter Hofbräu mit in den Flieger zurück nach Amerika nahmen als ihre Dienstzeit hier endete. In der Kaserne gab es auch den deutsch- amerikanischen Freundschaftsclub in dem ich auch Mitglied war. Die gemeinsamen Ausflüge waren einfach toll, denn die Amerikaner stellten alle Mittel zum Transport, Ausrüstung und Verpflegung zur Verfügung. Auch die Organisation funktionierte reibungslos. Die wöchentlichen Meeting wurden genützt um zu plaudern, Sitten und Gewohnheiten gegenseitig auszutauschen. Ende der 80er Jahre kamen dann die ersten Gerüchte auf das die Kaserne dichtgemacht werden soll. Klar bangten wir da schon alle um unseren Arbeitsplatz.


Im Hof der Werkstatt beim R&U Shop 1979


Im Hof der Werkstatt beim R&U Shop 1979

Dann nach dem Fall der Mauer kam die Gewissheit, das es bald vorbei sein wird. Im Herbst 1992 übergab die US Army das Gelände an die Stadt Ostfildern zurück. Als diese Nachricht eintraf schlug es ein wie eine Bombe. Nun wurden auch ab 1991 die ersten Handwerker entlassen die noch nicht all zulange beschäftigt waren, andere sind in den Vorruhestand. Zum Schluss waren wir nur noch zu sechst.

Auch ich durfte bleiben. Unsere Aufgabe war es nun die Werkstatt komplett zu räumen. Ich übernahm dann noch die Stelle als Shop Foreman, da der Vorgänger in Rente ging. Ich war zuständig für die gesamte Kaserne. Die US Einheiten mussten sämtliche Gebäude sauber und besenrein verlassen. Alle Häuser wurden inspiziert und Verschlossen.


Drei ehemalige Kollegen vor einem Werstattwagen 1984

Ab Januar 1991 nachdem der Golfkrieg begonnen hatte haben alle Familien ihre Wohnungen geräumt und alles nach Amerika oder anderen Orten verschifft. Innerhalb kürzester Zeit war die ganze Housing Area leer, kein Leben mehr drin. Bis August - September 1992 zog sich die ganze Aktion hin dass auch die anderen Gebäude (Motorpools, Troopbillets, Hangar´s) leer waren, entrümpelt und der ganze anfallenden Müll entsorgt wurde. In unserer Werkstatt demontierten wir die Maschinen. Die Sachen kamen zum Verkauf per Tieflader nach Ludwigsburg.

 

Ende Oktober 1992 veranstalteten wir in unserer leeren Werkstatt noch eine Abschiedsparty. Am 31. Oktober 1992 war der letzte offizielle Arbeitstag für uns Zivilbeschäftigten in der Nellinger Kaserne. Wir hatten natürlich alle Tränen in den Augen. Ich habe noch die Werkstatt verriegelt und übergab die Schlüssel wehmütig an den inzwischen privatisierten Wachdienst. Fünf meiner Kollegen wurden in den Kelley Barracks ( Stuttgart Möhringen ) weiter beschäftigt. Ich selbst nahm das Angebot eines Auflösungsvertrages an, und arbeitete danach bis heute als Hausmeister.



Abriss der Kaserne 1996

 

Ab 1996 begann die Stadt Ostfildern alle bestehenden Gebäude der US Kaserne abzureißen. Es wurden nur die Housing Area erhalten und aus Denkmalschutz gründen die Gebäude der Alten Wehrmacht - Kommandantur aus dem Jahr 1937, wo ab 1951 der jeweilige US Kasernenkommandant seinen Sitz hatte.


Blick auf Gardhouse 1988, by Marsha Christian

Zugang zum Generalsgebäude, by usarmygermany.com

Alle anderen Häuser wie Motorpools, Billet´s, Heizung, Sporthallen und Hangar´s wurden dem Erdboden gleich gemacht. Der Bauschutt kam in riesige Schredder und für den Straßenbau wiederverwendet. Die Häuser der Housing Area wurden ab 1994 saniert und an die Bevölkerung vermietet. Das gleiche geschah mit den historischen Gebäuden der Kommandantur im Südteil. Ab 1996 ist ein komplett neuer Stadtteil Ostfilderns am entstehen, dem "Scharnhauser Park". Auch die Infrastruktur wurde den Ansprüchen der neuen Mitte Ostfilderns angepasst. Es wurden Schulen, Kindergärten und Einkaufcenter sowie diverse Gaststätten gebaut . Ebenso auch reichlich Freizeitangebote. Ich denke, ein ehemaliger US Soldat würde kaum noch erkennen was sich vorher wo befand.

...Zurück
HOME